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01.08.2010
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Ausgabe 01/ 2010

Schicksalsschwestern

Barbara Müller
Mit einer Decke über den Knien sitzt sie im Rollstuhl, stein-gleich und ungerührt, ihre Gesichtszüge gleichen einer Maria-Ikone. Ich habe es gewagt, ihre Kreise zu stören und sie aus der Höhle gezerrt. Auch wenn mich seitdem die Wucht ihres Blickes verfolgt, stelle ich fest, dass Frau Kutscher jenseits des Bettes alle Kriterien erfüllt, um als Matriarchin im Ruhestand in den erlauchten Kreis der Familie Buddenbrock aufgenommen zu werden oder als Cover Girl auf einer der sepiafarbenen Adelszeitschriften des vorigen Jahrhunderts zu landen. Ihre glatte Stirn straft ihre 70 Lebensjahre Lügen, so als hätte ihre Gehirnblutung neben den Zellen auch ihre Falten wegretouchiert. Dahinter ahne ich graues Gedankengewölke, das ihr geistiger Sisyphus ohne Unterlass zu einem schiefen Turm von Pisa aufbaut und gleichzeitig wieder ins Nichts verpuffen lässt. Diese Vorstellung mag ein Trugschluss meiner Phantasie sein, die sich so sehr wünscht, Frau Kutscher alle Chancen und Wege der diesseitigen Welt schmackhaft zu machen, obgleich sie sich offenkundig für das andere Ende entschieden hat, und ihre Ausdruckslosigkeit ein Affront ist für jeden Versuch einer ressourcenaktivierenden Pflege. Wer auch immer dieses Wort erfunden hat, hat nicht mit der inneren Resistenz von Frau Kutscher gerechnet.
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